Eine kaputte Großfamilie trifft sich zum jährlichen Essen und steuert
auf die Katastrophe zu. Eine Photographin treibt mit ihrer Perfektion die
ZuseherInnen in den Wahnsinn. Und Pfarrersköchin Predulnig lässt vor
Schreck eine Packung Eier fallen. Schade drum.
Uraufführung Wien Villach November 2010
mit Konzert & Lisung von Theresa Pewal und
Lisa Rakowitz
Ein Mal im Jahr Familientreffen. Ein Mal im Jahr der Versuch eines
Zusammenseins, der Versuch eines harmonischen Miteinanders. Aber so
verschieden die Menschen sind, so verschieden sind auch die
Familienmitglieder und deren Leben. Die einen versuchen den Schein zu
wahren, die anderen wollen den Dingen auf den Grund gehen. Die einen haben
sich mit dem abgefunden, was sie sind, die anderen wollen mehr sein,
können es aber nicht. Die einen reden laut in ihrer Verzweiflung, die
anderen haben sich an das Schweigen gewöhnt. Die einen haben Fragen, die
anderen keine Antworten. Die einen wollen erzählen, die anderen nicht
zuhören. In ihrem Drang, sich dem Gegenüber mitzuteilen, scheitern sie und
bleiben am Ende allein.
Eine Familiengeschichte mit all den Absurditäten des Alltags von Lisa
Rakowitz. Die Schriftstellerin bringt mit einfühlsamen Texten und
außergewöhnlichen Aktionen (wie ihrer Lyriklesung unter der Dusche bei
GEMMAKUN?TSCHAUN) frischen Wind ins 60-köpfige Symbiosis-Kollektiv. Regie
führt Alfred Burian ("Grenzspannung", "Patrioten zur Lage der Nation").
Autorin Lisa Rakowitz auf Servus TV:
Rückblick: Vor-Uraufführung im kult:villach
Ein fragmentarischer Einblick in den Produktionsprozess wurde
als "RAUM ZEIT SYMPOSIUM" im Rahmen von GEMMAKUN?TSCHAUN am 4.6.2010 im
kult:villach geboten. Raum-Zeit-Symposien sind Veranstaltungen, bei denen
wir neue Projekte im kleinen, experimentellen Rahmen vor-uraufführen. Das
Publikum erhält dabei Einblicke in den Status Quo unserer Arbeit.
Regie Alfred Burian Text Lisa Rakowitz Schauspiel Teresa König, Angelika Strahser Live-Bildbearbeitung Stefan Mak Produzent, Performancekonzept Martin Mittersteiner Produktionsassistenz Marc Germeshausen besonderer Dank an Martin Dueller, Georg Lotz, Anna Wächter
mit freundlicher Unterstützung der Stadt Villach
Textproben
Vater:
Na, also ich muss mich schon wundern…das hätt ich mir nicht gedacht! Dabei
seids ihr ja gscheite und studierte Leut! schüttelt den Kopf Ich
habs ja selber nicht gesehen. Aber die liebe Frau Predullnig, die Köchin
vom Pfarrer, die ist zu mir gekommen und hat mir erzählt was sich da
abgspielt hat. Ich sags euch: die war ganz außer sich, die arme Frau. Das
Einkaufssackerl mit der Kantwurst und den Eiern für den Herren Pfarrer is
ihr vor lauter Schreck auf den Boden geknallt, wie ihr so ein junger
Krawallmacher vor die Füße hingesprungen ist und herumgebrüllt hat! Und
ihr Unterrock, der war danach komplett vollgespritzt mit den rohen Eiern
vom Herren Pfarrer. Und dann hat sie natürlich neue Eier kaufen gehen
müssen. Und dabei ist der Herr Pfarrer eh so heikel mit seinen Eiern. Er
sagt immer: schad um jedes einzelne Leben, das nicht auf die Welt kommen
darf. Und da könnts euch wohl vorstellen, wies der armen Frau Predullnig
gegangen ist – mit den 12 ungeborenen Leben am Asphaltboden vorm Palmers.
...
Elke:
Na, danke. Bevor ich mit so einem Bliaz wie dir Tag ein Tag aus über
Schweinsbratenbeilagen philosophieren muss, da bleib ich lieber allein!
Wie du nur meinen Bruder aushalten kannst, liebe Schwägerin, ich verstehs
nicht: Sabine, der Schweinsbraten ist zu trocken, Sabine der
Schweinsbraten hat zu wenig Fett, Sabine, der Schweinsbraten ist zu mild
gewürzt, Sabine, der Schweinsbraten von der Mama ist viel besser, Sabine,
der Schweinsbraten hat mehr Hirn als ich. Ich persönlich find ja, liebe
Sabine, du solltest ihm stattm Schweinsbraten einmal Hirn mit Ei
vorsetzen! Vielleicht hat das ja ein bisl einen Effekt.
...
Sabineaußer sich, brüllt: Kannst du jetzt endlich den Mund halten??!!
Glaubst du, ich könnt mir nix Besseres vorstellen, als hier mit euch allen
am Tisch zu sitzen und einmal im Jahr glückliche Familie zu spielen?
Vielleicht hast du Recht und mein Leben ist nicht so aufregend und
spannend wie deines. Aber es ist mein Leben! Und ich hab kein anderes, ich
hab nur dieses eine! Meinst du, dass ich mir nicht wünschen würd, dass
mein Leben anders wär? Glaubst du wirklich, es ist mein Traum immer nur zu
putzen und zu kochen, hin und wieder in die Kirche zu gehen, mich danach
mit 70-jährigen Großmüttern über Krampfadern und Hämorridencreme zu
unterhalten und mir zur Krönung dann noch deine Weisheiten hier
anhören zu müssen?
Paul:
Sabine, was soll denn das jetzt?
Sabine:Weiß
Gott, ich hab andre Träume gehabt. Aber leider ist nicht mehr draus
geworden. Und jetzt ist das mein Leben. Und vielleicht ist es nicht
perfekt, und mit Sicherheit ist es nicht außergewöhnlich oder gar
besonders. Aber ich bin es auch nicht. Wie soll es dann mein Leben sein?
Natürlich frag ich mich, ob ich mehr hätte sein können. Aber mittlerweile
muss ich gestehen: Nein, das hätte ich nicht. Alles, was möglich war, das
bin ich.
...
Isolde:
Essen Essen Essen! Immer geht’s nur um das Scheiß-Essen! Die Leut und ihre
Gefühle, die sind euch ganz wurscht. Da verlierts ihr nie ein Wort drüber.
Nur nie die Fassung verlieren. Mich grausts so!
Vater:
Isolde!
Mutterentsetzt: Vor den Zwetschkenknödln? Mei, das tut mir leid. Dabei
hab ich mir so viel Mühe gegeben. Ich mach immer alles falsch. Beginnt
zu schluchzen. Dabei wollt ich euch nur eine Freud machen. Aber ihr
wissts ja, ich werd leider auch nicht jünger. Und wer weiß, vielleicht ist
es heute sogar das letzte Mal, dass wir alle so beisammen sitzen.
Isolde und Harald:
Das kann man nur hoffen.
...
Pfarrer:
Grüß Gott und eine gesegnete Mahlzeit wünsch ich euch, meine lieben
Kinder! Schön ist das, schön ist das. Da geht einem richtig das Herz auf.
Eine große katholische Familie beim Mittagessen! Schön ist das. Fast wie
auf diesem einen Bild mit dem Herren Jesus und den Aposteln…von diesem
italienischen Maler! Wie heißt der, wie heißt der?
Harald:
Leonardo da Vinci.
Pfarrer:
Genau, den hab ich gemeint! Man muss schon sagen: Immer seltener gibt’s
das. Das ist, weil sich die Leut keine Müh mehr geben, jeder denkt nur an
sich! Aber in diesem Hause, das seh ich gleich, da sitzt der Herr Jesus
mitten unter euch und freut sich über so eine Harmonie! Schön ist das.